In Castros Reich von Martin Mosebach (Sobre la Revolución Cubana explicada a los taxistas

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Sie in der Ausgabe Juni 2009

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In Castros Reich
von Martin Mosebach

„Wie prachtvoll Kuba einmal gewesen sein muss!“ Fünfzig Jahre Unterdrückung und sozialistische Marktwirtschaft haben die Sonneninsel ruiniert. Büchner-Preisträger Martin Mosebach blickte für Cicero hinter die Fassaden von Havanna. Von der erhofften Aufbruchstimmung nach der Ära Castro spürte er nichts

(…)

Der ausgedehnte Spaziergang durch Havanna macht niemanden zum Kuba-Kenner, aber er läßt einen die reiche politische Literatur über Kuba mit anderen Augen lesen. Und deshalb zögere ich nicht, hier das mir sympathischste Buch über die kubanische Gegenwart zu nennen, besser zu loben und nachdrücklich zu empfehlen. Der Autor heißt José Manuel Prieto, ein Schwarzer, keiner von denen, die enteignet und ins Gefängnis geworfen worden sind, er wurde auch nicht gefoltert und hat keinen Verwandten, den Che Guevara hat ermorden lassen. Im Gegenteil – Prieto hat die Schokoladenseite der Castro-Diktatur kennengelernt. Sein Vater war Arzt, er ist in einer, wie er selbst schreibt, palastartigen Villa aufgewachsen, deren Eigentümer vertrieben worden waren. Er ist dankbar für seine Erziehung auf einer kommunistischen Elite-Schule, einem revolutionären „Eton“, die ihn für das Leben in Europa vorzüglich vorbereitet habe. Zum Studium wurde er in das befreundete Rußland und zwar nach Sibirien geschickt, dort erlebte er die Perestroika des Präsidenten Gorbatschow – Prieto ist heute einer der bedeutendsten Romanciers der lateinamerikanischen Literatur, in seiner Heimat aber natürlich, wie man leider sagen muß, nicht mehr geduldet. „Die kubanische Revolution und wie erkläre ich sie meinem Taxifahrer“ heißt sein leidenschaftlicher, witziger und von einem überlegenen Sinn für Mäßigung und gesundem Menschenverstand getragener Essay. Jeder Taxifahrer in Paris und Madrid gratuliere ihm, wenn er sich als Kubaner vorstelle. Habe es Fidel Castro nicht geschafft, sein kleines Land fünfzig Jahre lang dem Einfluß der Nordamerikaner zu entziehen? Sei seine Herrschaft nicht die Erneuerung des Sieges von David über Goliath? Es gibt ein berühmtes Foto, das den berühmten „Comandante en Jefe“ im Kampfanzug zu Füßen der Kolossalstatue des Abraham Lincoln zeigt, das sprechende Bild einer versteinerten Weltmacht, die den kleinen kühnen Anarchen nicht in ihre Gewalt bekommen kann. Diese Freiheitsidee wirkt noch heute berauschend auf viele Nicht-Kubaner, keinesfalls nur Linke. Aber Prieto sieht sie als einen Irrsinn, einen Aufstand gegen die Realität und Gesetze der Geopolitik. Niemals sei Kuba frei gewesen in seiner Geschichte, weder als die Spanier dort regierten, noch als die Nordamerikaner den Kubanern halfen, die Spanier zu vertreiben – nur um selbst an deren Stelle zu treten –, noch auch unter Castro, der die schon kaum mehr indirekte nordamerikanische Herrschaft nur abschütteln konnte, indem er sich dem Einfluß der Sowjetunion öffnete. Die Chimäre Freiheit hat Kuba in bitterste Armut gestürzt, hat eine Diktatur der Brutalität gefördert, hat alle Begabungen aus dem Land vertrieben, das Land in schmutzige Kolonialkriege in Afrika verwickelt und den kostbaren kulturellen Besitz, die prachtvollen Städte dem Untergang preisgegeben. Prieto weist die Theorie von der Notwendigkeit der kubanischen Revolution mit Entschiedenheit von sich. Er kennt kein Übel, das durch eine Revolution nicht noch schlimmer würde, keinen Mißstand, der sich nicht durch eine allmähliche gewaltlose Entwicklung schließlich von selbst beseitigte. Und deshalb ist ihm der Gedanke an eine neue Revolution nach Castros Tod auch gleichermaßen schreckenerregend. Eine verfrühte Einführung der Demokratie in diesem jeder Tradition der Selbstverantwortung entfremdeten Land hält er für verhängnisvoll. Dieser Schriftsteller hat zu einem urkonservativen Vertrauen in die naturrechtliche Institution des Privateigentums gefunden; wie ein zweiter Solschenizyn hält er die Wiedergewährung von Privateigentum für die lebensrettende Neuerung, die der Wiedergesundung des Landes vorausgehen müsse, wobei er das Problem der Restitutionsansprüche der Emigranten freilich ausspart. So schwankt der Ton seines kleinen, aber ergreifenden Buches zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Zorn und Liebe zu seinem schönen Heimatland. Man muß dieser Stimme Glauben schenken, deren Lebhaftigkeit und Ungezwungenheit nichts anderes sind als ein Mittel der Diskretion, um die Weisheit des Sprechers zu verbergen.

Foto: Picture Alliance

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