Reseña de Rex en Alemania por Eva Karnofsky

Eva Karnofsky

Das Buch der Bücher

Der kubanische Autor José Manuel Prieto liebt die Weltliteratur so sehr, dass er sie auch in seinem zweiten Roman “Rex” ständig zitieren muss

Es sei gleich vorweg gesagt: Wer etwas über Kuba lesen möchte, ist bei José Manuel Prieto an der falschen Adresse. Zwar wurde er 1962 in Havanna geboren, doch schon sein Ingenieurstudium führte ihn in die ehemalige Sowjetunion. Russische Sprache und Literatur faszinierten ihn ebenso wie russische Geschichte, so sehr, dass er zu einem gefragten Übersetzer russischer Literatur ins Spanische wurde und nach mehr als einem Jahrzehnt in Russland für einige Jahre nach Mexiko ging, um russische Geschichte zu lehren. Zudem ist Prieto ein fanatischer Leser all dessen, was gemeinhin als universelle Literatur bezeichnet wird. Seine Romane sind denn auch ein Abbild seiner Biographie: Er schreibt die Prosa eines in die Weltliteratur vernarrten, russophilen und experimentierfreudigen Ingenieurs – und ist damit – wie Pablo de Santis oder Santiago Roncagliolo – Vertreter einer jungen Generation lateinamerikanischer Autoren, die sich vom Regionalismus abgewandt haben, Sujets von globaler Bedeutung angehen und sich stilistisch in kein Schema pressen lassen.

Liwadija, der zweite Teil einer Russland-Triologie von José Manuel Prieto (der erste, Enciclopedia de una vida en Rusia, liegt nicht in deutscher Übersetzung vor), ist der Entwurf eines Briefes von J.P. an W., eine Frau, die er in einem Striptease-Lokal in Istanbul kennen gelernt hat. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion widmet sich J. dem Schmuggel, sein Spezialgebiet sind gestohlene Bestände der Roten Armee. In Istanbul versucht er nicht nur, Nachtsichtgeräte an den Mann zu bringen, sondern trifft auch einen Kunden, der ihn beauftragt hat, einen fast ausgestorbenen Schmetterling zu fangen. Und er lernt jene W. kennen, eine Russin, die auf eine Annonce hin in die Türkei gereist ist, in dem Glauben, sie werde dort als Eisläuferin gutes Geld verdienen.

Doch sie landet als Hure in dem Striptease-Etablissement, streng bewacht von Tyrann, der nicht nur ihren Pass einkassiert hat, sondern auch ihren sauer verdienten Lohn. W. bittet J., ihr zur Flucht zurück in die sibirische Heimat zu verhelfen. J. lässt sich schließlich von der schönen Frau breitschlagen, und er beginnt, von ihr ermuntert, sich Hoffnungen auf sie zu machen. Doch nach einer abenteuerlichen Reise – Tyrann nimmt die Verfolgung auf – verschwindet W. in Odessa. Zunächst wartet J. tagelang auf sie, doch schließlich gibt er auf und mietet sich in dem Badeort Liwadija, auf der Krim, in einer Pension ein, um sich in der Gegend auf die Jagd nach dem seltenen Schmetterling zu machen. Er fühlt sich von W. verraten, bis ihn der erste von sieben Briefen von ihr erreicht.

Der Leser erfährt nur wenig von dem, was sie ihm auf feinstem Reispapier schreibt, er nimmt lediglich teil an dem Versuch, ihr mit einem perfekten Brief zu antworten, in dem J. die Ereignisse aus seiner Sicht in Erinnerung ruft und ihr über sich berichtet, über seine Gefühle für sie oder über seine Versuche, jenen Schmetterling zu fangen. Seine eigenen Worte als banal empfindend, bemüht J. die Briefwechsel unterschiedlichster historischer Gestalten: James Joyce`s Briefe an seine Frau Nora, Senecas Briefe an Lucilius oder Vera Sassulitschs Briefe an Karl Marx, um nur einige wenige zu nennen.

Liwadija ist ein Abenteuerroman, ein Liebesroman, sowie ein Roman über die Verhältnisse während des Umbruchs in Russland. Und er ist der Versuch, in einem virtuosen Spiel mit literarischen Zitaten zu beweisen, dass Geschichte, selbst private, sich wiederholt und dazu taugt, Gegenwärtiges zu erklären. Prieto ist überhaupt ein Freund von “Anleihen”: So war Vladimir Nabokov, den er ins Spanische übersetzt hat, ein leidenschaftlicher Schmetterlingssammler, und hat wie J. eine Weile auf der Krim verbracht.

Mit Rex erscheint in diesen Tagen Prietos dritter Band der Russland-Trilogie. Wieder wählt er die Ich-Form, diesmal schlüpft er in die Rolle des kubanischen Hauslehrers Psellus, der Petja, dem elfjährigen Sohn eines russischen Mafia-Ehepaares, in einer protzigen Villa im spanischen Marbella Privatunterricht erteilt. Psellus pflegt eine extravagante Unterrichtsmethode – er bedient sich nur eines Buches, des Buches der Bücher, das auf jede Frage des Lebens Antwort gibt. Psellus´ Bibel ist Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. (Schon da fragt sich der Leser, ob sich Prieto über Proust lustig macht. Wohl eher nimmt er dessen Adepten aufs Korn, die Prousts Hauptwerk zum einzigen wirklich wichtigen Buch der Neuzeit erklären.)

Wie P. in seinem Brief-Entwurf, erklärt Psellus seinem Schüler die Ereignisse. Und die sind wieder abenteuerlich. Petjas Vater, der Wissenschaftler Wassili, hat eine Methode zur Herstellung künstlicher Diamanten erfunden, verkauft seine Steine zwei russischen Mafia-Killern als echte, fliegt damit auf und muss aus Angst vor deren Rache nach Spanien fliehen. Psellus verliebt sich in Petjas Mutter Nelly, und ersinnt einen Plan, der die Familie vor den Killern schützen soll: Er organisiert eine Party für den in Marbella heimischen, längst entmachteten europäischen Adel und die ebenfalls dort ansässigen russischen Neureichen, um ihnen die Kuropatows als neue russische Zarenfamilie zu präsentieren.

Was er in Liwadija nur andeutete, seine Neigung zum Phantastischen und zur Persiflage, lebt Prieto in Rex voll aus. Da verwandelt sich sogar Psellus´ geliebte Nelly – Gott sei Dank nicht in einen Käfer, sondern in einen wunderschönen Riesenvogel. Ob Mafia, Adel oder Neureiche, Prieto verspottet sie gnadenlos.

Prieto beweist mit seinen Zitaten und Anspielungen auch in Rex wieder seine profunden literarischen Kenntnisse, vor allem des Werks von Proust. Als geistigen Mentor seiner Kommentare, so nennt Psellus seine zwölf Lektionen für Petja, enthüllt er gen Ende – es war kaum mehr nötig – Jorge Luis Borges.

Prietos Sprache lässt den Ingenieur erahnen, sie ist gespickt mit technischen Vokabeln, und auch seine Vergleiche und einfallsreichen Metaphern stammen immer wieder aus dem technischen Bereich, wenn etwa “meine Arme auf mich zuflogen wie die Kolben einer Wattschen Dampfmaschine” oder Grenzen zu “Staatsmembranen” werden. Allerdings erfordern seine Schachtelsätze, die nicht selten ohne Verb auskommen müssen, vom Leser höchste Konzentration und dürften der – hervorragenden – Übersetzerin Susanne Lange manch´ schlaflose Nacht bereitet haben. Sämtliche Beschreibungen sind – wie in der zeitgenössischen russischen Literatur oder bei Proust – präzise und ausholend.

Zweifellos hat José Manuel Prieto zwei ausgefeilte Fleißarbeiten vorgelegt, Themen von Belang angesprochen, zum Lachen angeregt und nachdenklich gestimmt. Und doch: Nach zwei Romanen hat man genug, ist ermüdet davon, sich wie bei Jörg Pilawa immer wieder fragen zu müssen, welcher Roman, welcher Autor denn nun gemeint ist und ob der Schriftsteller, dem ein Zitat zugeordnet wird, es auch wirklich zu vertreten hat. Bleibt zu hoffen, dass sich Prieto mit Beendigung der Trilogie neuen literarischen Herausforderungen jenseits der Zitate und Literaturanspielungen zuwenden wird.

José Manuel Prieto Liwadija. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 354 S., 9,95 EUR

José Manuel Prieto Rex. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008,343 S., 22,80 EUR

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